9. Hafen – Montserrat und der Vulkan 🌋

Nach 22 Jahren ist es so weit – ich bin in echt auf der Karibikinsel Montserrat 🤩 Sie wird von Kreuzfahrtschiffen selten angelaufen. Es gibt keinen Hafen für größere Schiffe und der Seegang kann das Tendern unmöglich machen. Heute glücklicherweise nicht. Sonst wäre ich geschwommen.

Tenderboot von innen.

Tenderboot von außen.

Montserrat, bis heute britisches Protektorat, war früher vor allem in Musikerkreisen bekannt – in den Studios auf der Insel nahmen in den 60-ern und 70-ern die Beatles und andere Bands Platten auf, mit karibischem Dolce Vita als Nebeneffekt.

Dann erwachte 1995 der Vulkan der Insel, Soufriere Hills (Schwefel again, in Sachen vulkanischer Namensgebung sind sie in der Karibik leider wirklich etwas einfallslos), nach Jahrhunderten der Inaktivität plötzlich aus dem Koma. Bis 2010 brach er immer wieder vehement aus und machte 2/3 der Insel unbewohnbar. Viele verließen Montserrat und nicht alle kamen wieder.

Momentan tut der Vulkan nichts bzw. arbeitet quasi von unten an seinem Lavadom. Der wachsende, zunehmend instabile Aufbau kann jederzeit kollabieren und einen erneuten Ausbruch und damit verbundenen Ascheregen, Lavaströme, Lahare und vor allem pyroklastische Ströme auslösen. Selbige sind Wolken aus Asche, Gasen und heißen Steinen, die sich mit 300 kmh den Berg herunterwälzen. Rennen ist zwecklos – wie in Pompeji, nur heißt Pompeji hier Plymouth und war dermaleinst die Inselhauptstadt.

Soufriere Hills fasziniert mich seit 2003, seitdem beobachte ich das vulkanische Tun und Treiben und will vor allem hin – und jetzt ist es tatsächlich so weit. Das Glück hat viele Formen 😉

Zunächst empfängt uns Montserrat morgendlich lieblich. Bei einem Kaffee und einer erneut tollwutstreichelverbotsunkundigen Katze warten wir auf unseren Guide von Montserratislandtours, der uns exklusiv die Insel, mit Fokus auf Vulkanischem, zeigen will.

Die düstere Seite von Montserrat ist aber auch hier präsent.

Bewohnbar ist nur noch der nördliche Teil der Insel. Der Süden ist in der Sperrzone nicht sicher und auch vor der Küste dürfen Schiffe davor nicht anhalten, sondern nur vorbeifahren. Die Vasco da Gama ankert im bislang sicheren Norden vor Little Bay.

Sun, unser Guide, ist inzwischen nach dem Austausch niedlicher Selfies zwecks gegenseitiger Erkennung aufgetaucht und wir starten das Inselabenteuer. Little Bay/Brades soll eigentlich neue Inselhauptstadt sein, doch der Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur schleppt sich dahin. Schlecht für den Tourismus, gut für die Natur.

Und da ist er endlich, Soufriere Hills Volcano, das Ziel meiner Träume. Der Gipfel hüllt sich meist in Dampf und Wolken. Und nein, es ist nicht das letzte Vulkanbild heute. Wäre auch echt schade drum.

Wir sind auf dem Weg in die Sperrzone, die man nur tagsüber, mit Sondererlaubnis und ständiger Funkverbindung zur Überwachungsstation betreten darf.

So sieht es aus, wenn Lahare, gewaltige Schlammströme, sich den Berg heruntergewälzt haben.

Zone 5 ist das gefährlichste Gebiet innerhalb der Sperrzone. Sollte der Vulkan plötzlich aktiv werden, würde man die Guides via Funk informieren, damit sie sich mit uns über die Escape Route vom Acker machen können. Ob dazu noch Zeit wäre, sei mal dahingestellt, vom Krater bis zu uns ist es nicht wirklich weit.

Suchbild. Viele Gebäude in der Sperrzone sind längst von Vegetation überwuchert.

Als die Vulkanaktivität intensiver wurde, wurde Plymouth innerhalb weniger Stunden evakuiert. Die Bewohner ließen viel zurück, sie rechneten mit einer baldigen Rückkehr, aber daraus wurde nichts. Die Stadt liegt seitdem als lost place im Schussfeld der pyroklastischen Ströme, die jederzeit und ohne Vorwarnung auftreten können. Viele Gebäude ragen nur noch zu einem kleinen Teil aus den meterhohen Asche- und Schuttablagerungen hervor.

Creepy.

So sah es hier früher aus.

Die Gebäude sind einsturzgefährdet und nicht betretbar.

Lavabombe. Die fliegenden Steine können metergroß sein.

Sun erzählt uns jede Menge interessanter Stories. Funkgerät immer dabei.

Noch mehr Ruinen.

Aber wir lernten auch praktische Dinge, wie sich mit einer bestimmten Farnsorte ein Tattoo auf den Arm zu klatschen.

Fröhliche Vulkantouristinnen in der Schusslinie.

Auch die Kirche wurde renaturisiert.

Sun fuhr mit uns noch zu einem früheren Luxushotel in der Sperrzone, das wir betreten konnten. Spooky.

Das Montserrat Volcano Observatory, ein weiteres Sehnsuchsziel. Sie beobachten den Vulkan von einer strategisch günstigen und nach bisheriger Erkenntnis sicheren Stelle, kontrollieren die Messstationen und geben einen wöchentlichen Bericht über seine Aktivitäten sowie Gefahrenassessments heraus, seit Jahren meine regelmäßige Lektüre.

Von der Terrasse hat man einen guten Blick auf den Vulkan.

Innen erfährt man einiges über die Ausbruchsgeschichte und die derzeitige Situation, unter anderem durch einen beeindruckenden Film, den Suns Vater, David Lea, gedreht hat. Dieser kam quasi hippiesk mit seiner Frau einige Zeit vor dem Ausbruch auf die Insel. Fasziniert von dem Geschehen wurde er zur Freude der Wissenschaftler zu einem versierten und extrem waghalsigen Vulkanfilmer, zur Freude seiner Familie aber wohl weniger. Auch Sun hat ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Vulkan – einerseits ist die Faszination groß, andererseits wäre es schon schön, wenn sich das Teil jetzt einfach mal wieder für ein paar Jahrhunderte schlafen legen würde. Davon kann aber momentan noch keine Rede sein.

Später stellte sich heraus, dass ich beim natürlich zwingend notwendigen Erwerb des MVO-Kappis (bzw. Käppis, wie meine Schiffsfamilie betont 😉) mein ebenso zwingend notwendig erworbenes Grönland-Eisbären Kappi-Käppi liegengelassen hatte. Der Verlust hätte mich sehr traurig gestimmt, aber wie schon damals in Kangamiuut, Grönland das Handy schaffen es die Dinge irgendwie, aus entlegenen Weltgegenden wieder zurückzufinden. Sun holte das Kappi-Käppi im MVO am nächsten Tag und schickte es inklusive Stick mit dem Film nach München, wo es kurz darauf tatsächlich ankam

Sun, thank you so much ! We loved our day with you on the island!

Die Insel ist touristisch noch relativ unentdeckt. Unser Lunch-Spot war denn auch ein Traum, beste Fisch and Chips ever und kaum ein Mensch am Strand.

Danach ging es noch auf die andere Seite der Insel. Auch hier ist der Vulkan sehr präsent und schickt ab und zu Gerölliges Richtung Küste.

Verzückt und etwas dümmlich blickende Touristin, weil hat wieder Vulkan am Kopf.

Die Küste entlang fuhren wir zurück nach Norden, mit Ausblicken auf wildromantische Steilküste und eine hobbitische und bewanderbare grüne Hügellandschaft. Hier soll sich ein yetieskes mythisches Wesen herumtreiben, leider habe ich vergessen, was für eins genau. Aber wir kommen ja wieder 😉

Sogar das Schiff bemüht sich heute um den gewissen dramatisch-mythischen Touch.

Tschüss Montserrat!

Und HIER geht’s bald weiter.